Bildungsphilosophie
Dem deutschsprachigen Kindergarten in Südtirol liegt eine Bildungsphilosophie zugrunde, die von Offenheit und einem ganzheitlichen, stärkeorientierten Blick auf jedes einzelne Kind und die Kindergartengemeinschaft geprägt ist.
Jedes Kind lernt von Anfang an und begegnet der Welt forschend. Die Kinder erschließen sich ihre Umwelt mit allen Sinnen, in Interaktion mit anderen Kindern, Pädagogischen Fachkräften, Eltern und weiteren Bezugspersonen. Sie gestalten ihren eigenen Entwicklungs-, Lern- und Bildungsweg mit und werden dabei im Kindergarten von den Pädagogischen Fachkräften professionell begleitet.
Frühkindliche Bildung baut auf die natürliche Lernfreude des Kindes. Der Kindergarten bietet einen erfahrungsintensiven Rahmen für individuelles und gemeinschaftliches Lernen sowie für eine spielerische Auseinandersetzung mit der Welt. Das Kind nutzt dabei sowohl freie als auch gezielte Bildungsaktivitäten, um seine Kompetenzen und sein Wissen zu erweitern.
Das Kind wird in seiner Persönlichkeit und seinen individuellen Lern- und Bewältigungsstrategien gestärkt, damit es sein Wissen und seine Kompetenzen einsetzen und erweitern kann. Dadurch erwirbt das Kind die Fähigkeit in einer sich stetig wandelnden Gesellschaft zukunftsorientiert zu handeln.
Bildung und Lernen sind offene, lebenslange Prozesse. Die im folgenden aufgelisteten pädagogischen Prinzipien liegen diesen Prozessen zugrunde und werden in den Rahmenrichtlinien für den Kindergarten in Südtirol als Grundlage pädagogischen Handelns aufgezeigt.
Jedes Kind ist einzigartig und gestaltet seine Entwicklung und Bildung von Anfang an aktiv mit. Es ist bestrebt, selbsttätig und selbstbestimmt zu handeln. Individuelle Bildungsprozesse im Kindergarten werden von der Pädagogischen Fachkraft so begleitet und unterstützt, dass das Kind seine einzigartige Persönlichkeit und seine vielfältigen Entwicklungspotentiale entfalten kann und in der Kindergartengemeinschaft seinen Platz findet.
Kinder haben Rechte, die in der UN-Kinderrechtskonvention universell verankert sind. Sie haben von Anfang an ein Recht auf bestmögliche Bildung sowie auf umfassende Mitsprache und Mitgestaltung ihrer Lebensformen, ihrer Bildung und aller weiteren Entscheidungen, die sie betreffen.
Spielprozesse sind Lernprozesse. Das Spiel ist die wichtigste Aktivität der frühen Kindheit und damit eine elementare Form des menschlichen Seins.
Im Kindergarten stellt das Freispiel ein zentrales Lernfeld dar: Das Kind erarbeitet sich spielerisch sein Bild von der Welt, es tritt in Dialog mit sich selbst und anderen und erweitert sein Wissen und seine Kompetenzen. Gezielt organisierte Lernaktivitäten ergänzen das freie Spiel und schaffen zusätzlichen Anreiz für individuelles und gemeinschaftliches Lernen.
Das Bildungsverständnis ist ein ganzheitliches, welches die gesamte Persönlichkeit des Kindes umfasst und es in allen Bildungsbereichen stärkt.
In der pädagogischen Arbeit im Kindergarten werden alle Bildungsfelder, Spiel-, Lern- und Arbeitsaktivitäten so offen und vielseitig angelegt, dass jedes Kind entwicklungsangemessene Anregung und Begleitung erfährt.
Inklusive Bildung erkennt in der Vielfalt einen besonderen Wert. Im Kindergarten werden Kinder zu einer solidarischen Lerngemeinschaft zusammengeführt, unabhängig von Geschlecht, Alter, Herkunft, Kultur, Sprache, Religion, Begabungen und körperlicher Individualität.
Inklusive Bildung schafft Rahmenbedingungen für Bildungsgerechtigkeit. Jedes Kind ist besonders und hat Recht auf Bildung und bestmögliche Begleitung seiner individuellen Bildungs- und Lernprozesse.
Ein vorurteilsbewusster Blick unterstützt eine bewusste Auseinandersetzung mit Unterschieden und Gemeinsamkeiten sowie eine deutliche Positionierung gegen Vorurteile, Diskriminierung und Einseitigkeiten.
„Alle Kinder sind gleich, jedes Kind ist besonders“ lautet der Leitsatz der Vorurteilsbewussten Bildung, einem inklusiven Praxiskonzept der Fachstelle Kinderwelten Berlin, der in die Aus- und Weiterbildung der Pädagogischen Fachkräfte in Südtirol einfließt.
Jedes Kind hat individuelle Entwicklungspotentiale und Lernbedürfnisse, seinen eigenen Lernweg und sein eigenes Lerntempo. Systematische Beobachtung und Dokumentation, sowie der Dialog mit der Familie unterstützen den Lernweg des Kindes und seine positive Entwicklung.
Die Pädagogische Fachkraft geht gezielt auf die individuellen Unterschiede in der Entwicklung des Kindes ein, tritt mit ihm in Beziehung und begleitet es in seinen Lernerfahrungen prozessorientiert.
Co-Konstruktion als pädagogisches Prinzip verlangt, dass Bildungsprozesse von der Pädagogischen Fachkraft und dem Kind gemeinsam gestaltet werden. Dabei spielt die Interaktion zwischen Erwachsenem und Kind bzw. zwischen Kindern untereinander eine wichtige Rolle: das Kind lernt, Probleme gemeinsam zu lösen, die Bedeutung von Dingen und Prozessen zu erforschen, sowie mit den anderen zu diskutieren und zu verhandeln. Es bringt seine eigenen Ideen und sein Verständnis von der Welt zum Ausdruck, tauscht sich mit anderen darüber aus, gewinnt neue Erkenntnisse und erfährt Selbstwirksamkeit.
Partizipation bedeutet Beteiligung und Teilhabe. In der UN-Kinderrechtskonvention ist universell verankert, dass jedes Kind das Recht auf entwicklungsangemessene Mitsprache, Mitgestaltung und Mitbestimmung bei allen Entscheidungen hat, die es betreffen. Kinder und Erwachsene verfügen über unterschiedliche Stärken, Blickwinkel und Erfahrungen. Sie begegnen sich respektvoll, als Partner auf Augenhöhe und gestalten das Bildungs- und Kindergartengeschehen gemeinsam. Partizipationsprozesse sind Teil eines kindgerechten Lebensumfeldes. Sie schaffen Raum für neue Lösungsmöglichkeiten, stärken das Gemeinschaftsgefühl und ermöglichen individuelle und gemeinsame Bildungschancen für alle Kinder.
In der Zusammenarbeit zwischen Kindergarten und Familien bringen die Erziehungsverantwortlichen und Pädagogischen Fachkräfte unterschiedliche Kompetenzen in die gemeinsame Bildungsarbeit ein und ergänzen sich dadurch gegenseitig. Die Eltern sind über verschiedene Formen der Kommunikation und Kooperation in Planungs- und Entscheidungsprozesse einbezogen.
Der Kindergarten als Institution ist Teil eines größeren Ganzen und angebunden an den Kindergartensprengel, die Verwaltung, die Landeskindergarten- und Bildungsdirektion. Die Kooperation innerhalb des Systems sowie mit verschiedenen Netzwerkpartnern außerhalb des Systems (Gemeinden, anderen Bildungseinrichtungen, Sanitätssprengel, Therapeuten) ecc. ist Voraussetzung für eine funktionierende Bildungseinrichtung der Gesellschaft.