Mehrsprachig aufwachsen: theoretische und pädagogische Perspektiven
Mehrsprachigkeit ist weltweit Realität: Ein gutes Beispiel für gelebte Sprachenvielfalt ist Südtirol mit seinen drei Landessprachen und den diversen dialektalen Ausprägungen. Dazu kommen die Erstsprachen der Menschen aus 144 Ländern, die in Südtirol leben. Diese sprachlich und kulturell vielfältigen Realitäten spiegeln sich auch im Kindergarten wider.
„Wertschätzung aller Sprachen bedeutet, Wertschätzung der Menschen, die sie sprechen, und der Kulturen, in denen sie entstanden sind.“│Christiane Hofbauer
Was ist Mehrsprachigkeit?
„Mehrsprachig sind Personen, welche im Alltag regelmäßig mit mehr als einer Sprache konfrontiert werden und erfolgreich mit Sprecher/-innen der verschiedenen Sprachen befriedigend kommunizieren können.“ (Christiane Hofbauer, Sprachen und Kulturen im Kita-Alltag, Freiburg im Breisgau 2018, S. 12).
Unter die Bezeichnung „Mehrsprachigkeit“ fallen Dialekt, die zweite und dritte Sprache einer mehrsprachigen Familie, eine Fremdsprache, ein Soziolekt in einer bestimmten Lebensphase (z. B. Jugendsprache) oder eine Fachsprache in einem bestimmten Beruf.
Neben den eigenen kognitiven Fähigkeiten und individuellen Interessen spielen die Lerngelegenheiten und die Relevanz der Sprache des Umfeldes für das Sprachenlernen eine große Rolle. Kinder (und Erwachsene) erlernen Sprachen in vertrauensvollen Beziehungen, nach Bedarf und nach Notwendigkeit zur Teilhabe. Dies hat einen bedeutenden Einfluss auf die Lernmotivation und das Lerntempo. Sprache und Mehrsprachigkeit sind immer dynamisch zu betrachten, denn es handelt sich dabei um flexible und sich verändernde Konstrukte. Die Form der eigenen Mehrsprachigkeit kann sich demnach im Laufe des Lebens immer wieder verändern.
Im Kindergarten haben die Pädagogischen Fachkräfte als Vertrauenspersonen die Chance, den Mut und die Neugier des Kindes für andere Sprachen zu wecken. Dafür ist es notwendig, dass sie Sprachen und Kulturen mit offener Haltung begegnen, und sich bewusst sind, dass die Wertschätzung der Mehrsprachigkeit und die Stärkung der Identität nicht im Widerspruch zur Förderung der Bildungssprache stehen, sondern eine Voraussetzung für Lernen bilden.
Damit Kinder sich neuen Sprachen annähern können und in ihrer Erstsprache gefestigt werden, ist es wichtig, dass sie sich willkommen, respektiert und zur Kindergruppe zugehörig fühlen. Alle Sprachen und Ausdrucksformen, die ein Kind mitbringt, sind ein wichtiger Teil der persönlichen und kulturellen Identität des Kindes (aus: Rahmenrichtlinien des Landes für die deutschsprachigen Kindergärten, Deutsches Schulamt, Hrsg., Bozen 2008, S. 21).
„Ebenso erhalten Kinder, deren Erstsprache nicht Deutsch ist, im Kindergarten zusätzlich gezielte sprachliche Angebote, wobei zur Sprachförderung auch die Wertschätzung der Familiensprachen und eine aktive Zusammenarbeit mit den Eltern gehören.“ (aus: Rahmenrichtlinien des Landes für die deutschsprachigen Kindergärten, Deutsches Schulamt, Hrsg., Bozen 2008, S. 32−33)
Der Auftrag des Kindergartens ist es, Kinder in ihrer sprachlichen Entwicklung ganzheitlich zu begleiten und zu fördern.
„Kinder sind von Natur aus neugierig und motivierte Sprachenlerner. Sie sind innovativ, zeigen häufig kreative Wortneuschöpfungen und entwickeln ihre Sprachfähigkeiten fortlaufend weiter. Dies vor allem dann, wenn sie entdecken, dass die mit dem Medium Sprache als Ausdrucksmittel ihrer Wünsche und Intentionen auf das Verhalten anderer Menschen und der Umwelt Einfluss nehmen und wirken können.“ (aus: Wiebke Scharff-Rethfeldt, Sprachförderung für ein- und mehrsprachige Kinder. Ein entwicklungsorientiertes Konzept, München/Basel 2016, S. 10)
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Sprachentwicklung bei mehrsprachig aufwachsenden Kindern
Wie erwerben Kinder ihre Erstsprache? Kann ein Kind mehrere Erstsprachen haben? Und wie können wir Wertschätzung, Interesse und Spaß an Sprache vermitteln?
- Antworten darauf finden Sie im
Fachartikel der promoviertenSprachwissenschaftlerin Christiane Hofbauer. - Vorschläge, didaktische Materialien, Hilfsmittel und Literaturempfehlungen von Christiane Hofbauer für die mehrsprachigkeitsoffene Bildung im Kindergarten
Mehrsprachigkeitsoffene Bildung
„Wertschätzung aller Sprachen bedeutet, Wertschätzung der Menschen, die sie sprechen, und der Kulturen, in denen sie entstanden sind.“ (Christiane Hofbauer)
Was ist unter mehrsprachigkeitsoffener Bildung zu verstehen? „Eine mehrsprachigkeitsoffene Bildung meint eine qualitätsvolle alltagsintegrierte sprachliche Bildung, die explizit und respektvoll anerkennt, dass manche Kinder eine andere Sprache, als jene, die im Kindergarten gesprochen wird, mitbringen. Für den Kindergarten bedeutet dies, dass die Pädagogischen Fachkräfte alle Familiensprachen der Kinder aktiv wertschätzen. Das heißt nicht, dass sie Kenntnisse in diesen Sprachen haben müssen. Es heißt auch nicht unbedingt, dass verschiedene Sprachen im Kindergarten angeboten werden. Wichtig ist jedoch eine Offenheit allen Sprachen gegenüber und gegenüber den Kulturen, die damit verbunden sind. Kinder werden dies als Wertschätzung spüren.“ (aus: Annick De Houwer, Unsere Kinder und ihre Sprachen: Hürden, Bedürfnisse und Chancen, 2017 / zum Fachartikel
Ziele von mehrsprachigkeitsoffener Bildung
- Gegenseitige Verständigung
- Wertschätzung aller Sprachen (Ent-Hierarchisierung der Sprachen)
- Stärkung des Selbstwertes eines jeden Kindes
- Wecken von Neugier gegenüber Sprachen und Kulturen
- Erweiterung von Sprach(en)bewusstsein – Sprachenverständnis
- Vernetzung von Sprachen
Mehrsprachig aufwachsende Kinder erleben durch die bewusste Wahrnehmung und Wertschätzung
aller Familiensprachen das Gefühl, angenommen und willkommen zu sein. Sie haben mit ihren Lebensbiografien Platz in der Kindergartengemeinschaft und erfahren eine Stärkung ihres positiven
Selbstbildes.
Für monolingual aufwachsende Kinder ist eine mehrsprachigkeitsoffene Bildung genauso wichtig. Sie eröffnet die Möglichkeit, Sprachen und Kulturen kennen zu lernen und diese zu entdecken. Der Kindergarten leistet einen bedeutsamen Beitrag, das Sprach- und Kulturbewusstsein der Kinder zu stärken, indem er Kindern und ihren Familien entsprechend offen und sensibel begegnet.
Impulse zur Umsetzung einer mehrsprachigkeitsoffenen Bildung
Wo beginnen, wenn keine gemeinsam gesprochene Sprache vorhanden ist?
- Beziehung aufbauen
- Alle Kommunikationsversuche beachten und aufgreifen
- Dem Kind Zeit lassen
- Schlüsselwörter in den Erstsprachen der Kinder einsetzen
- Nutzung des gesamten sprachlichen Repertoires der Pädagogischen Fachkraft,
um das Kind emotional abzuholen - Symbole und Visualisierungen einsetzen (z. B. Metacom-Symbole)
- Mimik und Gestik einsetzen, auf Körpersprache achten
Wie kann Mehrsprachigkeit bewusst im Kindergartenalltag wertgeschätzt werden?
- Alle Sprachen und Ausdrucksformen der Kinder zulassen
- Ein Bewusstsein für unterschiedliche Sprachen schaffen
- Gemeinsam nach Begriffen in unterschiedlichen Sprachen suchen
- Bewusste Momente schaffen, in denen Kinder sich als Expertinnen und Experten der eigenen Sprachen erleben
- Sammlung von Grußwörtern, Zahlen und Beschriftungen in verschiedenen Sprachen anlegen
- Verschiedene Schriftzeichen visualisieren
- Mehrsprachige Bilderbücher, Lieder, Abzählverse im Alltag einsetzen
- Hörbuchaufnahmen von Geschichten, Liedern, Versen in verschiedenen Sprachen anbieten
- Eine konstruktive Zusammenarbeit mit den Familien pflegen (siehe auch Familie und Kindergarten: Sprachentwicklung gemeinsam unterstützen)
Das Thema kann in der Publikation 5 Bausteine umfassender sprachlicher Bildung (BIMM) vertieft werden.
Aus der Praxis: Interaktion unterstützt mit Gebärden
Ich spreche, ich zeige, ich kommuniziere mit dir
Ein Erfahrungsbericht aus dem Kindergarten Bozen Weggensteinstraße